El Hilo Latino
Textilkunst, Patchwork und Quilts

Indigo versus Indanthren

Indanthren (manchmal auch Indanthron) ist  blauer Anthrachinon-Farbstoff, der der natürlichen Indigofarbe optisch ziemlich ähnlich ist. Der Chemiker René Bohn entwickelte den Farbstoff bei BASF, wo er 1901 eingeführt wurde. 

Ein Riesenfortschritt! „Indanthrengefärbt“ wurde zum Markenzeichen für wasch- und lichtechtes Blau. Das neue Blau widerstand auch den Bleichmittelangriffen der traditionellen Waschpulver. Klar, dass Indanthren-Blau von Mode und Hausfrauen gefeiert wurde.  Die herkömmliche, traditionelle Pflanzenfarbe Indigo (Ganz viel über Indigo gibt es hier!) hatte fortan schlechte Karten. „Ist doch prima“, könnte man meinen, muss man dann noch so einen Artikel „Indigo versus Indanthren“ schreiben (in dem nur noch überholte Verfahren aus der Mottenkiste geholt werden)? Ich finde: Unbedingt – aber mach dir selber ein Bild. 

Durch ganz Europa verschwanden ja nach und nach die traditionellen Blaudruckereien und das Wissen um die aufwendige Färbemethode mit echtem Indigo.  Viele Blaudrucker stiegen auf die Indanthren-Färbung um, auch weil damit das Färben sehr viel einfacher wurde und deutlich schneller ging. 

Während das Blau als Jeansblau seinen Siegeszug um die Welt antrat, waren die traditionellen Blaudruckmuster leider schnell weg vom modischen Mainstream. Mit den Trachten verschwanden auch die alten Muster. Während man in Indien bis heute den Model-Schnitzern bei der Arbeit zusehen kann und die Sammlungen der Druckerfamilien immer wieder ergänzt werden, hatte sich der Handdruck mit den ersten Druckmaschinen schnell erledigt. Der Blaudruck – und erst recht der Indigo – verschwand in einer sehr kleinen Liebhaberecke. 

Wiederentdeckung der traditionellen Technik

Inzwischen werden die traditionellen Holz- oder Metallmodel, mit denen die Muster gedruckt wurden, als Schätze gehütet. 2016 wurde das Blaudruckverfahren offiziell von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt (mehr dazu hier). Die alten Muster finden neue Freunde, manche Museen veranstalten richtige Färbetage und das Blaudrucken avanciert zur beliebten Touristenattraktion. 

Aber: Das Verfahren ist nicht gleichbedeutend mit der Farbe! Sehr viele (ich glaube inzwischen: Die meisten!) Blaudruckereien arbeiten heute mit chemischen Farben (Indanthren) und man muss schon sehr genau fragen und hinschauen, bevor man viel Geld in Blaudruckstoffe investiert. 

Indigo versus Indanthren – Unterschiede und Gemeinsamkeiten: 

Beide Färbeverfahren sind Küpenfärbungen, die beim Färbeprozess zwischen der wasserlöslichen (reduzierten) und der wasserunlöslichen (oxidierten) Form wechseln. Die Farbe muss also erst wasserlöslich sein, damit sie auf die Faser aufziehen kann, danach muss sie wasserunlöslich werden, damit sie nicht mehr rausgewaschen werden kann. Gefärbt werden so meist Zellulosefasern, also Baumwolle, Modal, Viskose, quasi alles was aus pflanzlichen Zellwänden hergestellt wird. 

Beim Blaudruck lässt sich der technisch produzierte Indanthren-Farbstoff genauso verwenden wie die Naturfarbe Indigo. Gegenüber natürlichem Indigo ist das Gegenstück aus chemischer Produktion viel einfacher zu verwenden, stabiler, günstiger und der Färbeprozess verläuft ungleich schneller.

Während man mit dem chemischen Farbstoff nur einmal färben muss, wiederholt man den Färbeprozess mit natürlichem Indigo sehr oft (10 bis 16 mal) um aus Hellblau ein tiefes Dunkelblau zu machen. Diese mehrstufige Färbung kann man natürlich nutzen, um auch mehrstufige Farbmuster aus weiß, hellblau und dunkelblau zu kreieren. Aber: Bei jedem Färbedurchgang kommt der Stoff in die Küpe (also in die Brühe in dem tiefen Fass, das meist im Boden eingelassen ist) und dann wieder hoch an die Luft. Dann heißt es Warten, bis die Oxidation mit dem Luftsauerstoff vollzogen ist,  um dann die nächste Runde zu drehen. 

Man kann sich an fünf Fingern ausrechnen, was es für den Preis eines Blaudruckstoffes bedeutet, wenn sich jemand einen kompletten Tag lang mit ein paar Metern Stoff beschäftigt. Echte Indigo-Färbungen sind unter heutigen Bedingungen unwirtschaftlich und die indischen Blaudrucke sind nur bezahlbar, weil dort Menschen zu äußerst niedrigen Löhnen arbeiten. Wenn man in Europa jemanden findet, der noch wirklich echt mit Indigo arbeitet, ist das immer Liebhaberei und/oder Leidenschaft für ein sehr besonderes traditionelles Handwerk. Ich selber habe zum Beispiel in ganz Ungarn nur noch einen einzigen gefunden, der Blaudrucke wirklich mit Indigo herstellt und auch der muss nicht davon leben. Als ausgebildeter Chemiker lebt er heute im Ruhestand seine Leidenschaft für diese Tradition aus. Dabei kommen sehr kleine Mengen phantastischer Blaudrucke raus und ich hoffe innerlich, dass er noch sehr lange Spaß an seinem Hobby hat.

Alle anderen sind auf Indanthrenfarben umgestiegen, auch wenn das Blaudrucken auch von ihnen als traditionelles Handwerk inszeniert wird. Das ist auch nicht unberechtigt, denn die UNESCO hat ja das Verfahren gewürdigt, aber nicht den Farbstoff.

Trotzdem: Ich selber bin in dieser Hinsicht sehr orthodox und beharre altmodisch darauf, dass für mich Blaudruck erst dann „echt“ ist, wenn er auch mit pflanzlichem Indigo entstanden ist. Ich bin halt von Haus aus Biologin und hab ein Herz für Nutzpflanzen. Aber auch sehr viel Respekt vor dem Wissen und Können der Leute, die die echte Indigo-Färbung noch hinkriegen. 

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner