Sündteuere Hose? Wie ist das passiert? Also: Ich habe für drei (!!) Euro eine wirklich gute Markenjeans gekauft, die einen fetten eingerissenen Winkel hinten auf dem rechten Oberschenkel hatte. Unten eng, wie vor ein paar Jahren üblich. Hab mich dann brav hingesetzt und den Winkel hingebungsvoll mit einem Flicken unterlegt, so unsichtbar wie möglich geflickt und die Hose einfach angezogen.
Und dann sind immer mehr Leute in der Stadt mit weiten Hosenbeinen rumgelaufen, was natürlich in mir sofort das Upcycling-Gen aktiviert hat. Sollte da wieder was modern sein, was ich mit 15 zum letzten Mal getragen hatte? Das hatten wir doch damals schon geübt. Genau genommen waren das meine ersten Upcycling-Abenteuer an der Nähmaschine – Seiten auftrennen, Keile einsetzen, bunte Borten unten dran ….
Zusätzlich befeuert hat mich, dass ich im letzten Herbst ja in Chicago sein durfte, wo schon richtig tolle Patchwork-Jeans in den Läden hingen – alle mit gewaltigem Schlag in den Beinen. Die meisten offensichtlich ziemlich schnell zusammen gehauen, aber ich fand sie sehr cool. Leider gibt es keine Bilder. Aber wichtig war ja auch nur, dass ich eine Idee im Kopf hatte.
Die Jeans war technisch wirklich noch sehr in Ordnung, vor allem mit großen, stabilen Taschen, außerdem hat sie gut gepasst.
Der erste Schritt war der schwierigste: Radikal abschneiden. Dann in den Kisten und Regalen nach Jeansresten und passenden Stoffen suchen und dann versuchen, die Beine wiederherzustellen. Einfach Keile in die Seitennähte zu machen ist auf jeden Fall einfacher. So war es etwas fummeliger, die Beine einigermaßen gleichmäßig und passend wieder dran zu kriegen.
Ich habe die neuen Beine jeweils aus Resten – wie ein Crazy Patchwork – zusammengesetzt. Alle Nähte von außen jeansmäßig abgesteppt, damit sie flach liegen. Es war ein bisschen schwierig, beide Beine gleich zu machen, zuerst war eins weiter als das andere, aber zum Schluss erschien mir alles einigermaßen gleichmäßig.
Die guatemaltekischen Webstoffe passen im Stil, aber auch im Gewicht gut zum Jeans und machen alles ziemlich bunt und freakig. Als dann alles fertig war und ich versucht. habe, mein stolzes Werk zu fotografieren, kamen mir dann doch die Zweifel: Soll ich das anziehen????
Im Zweifel frage ich meine Kinder, die sind streng und stilsicher. Prompt hob meine Tochter die eine Augenbraue und ihr entfuhr ein ratloses „Ähh – also …“
Weil mir die Hose aber inzwischen zunehmend gut gefiel, schlug ich vor: Ü50-Party?? ABBA-Revival-Konzert??
„Ja!“ Entschied das Kind, „perfekt für ein ABBA-Revival! Da geht das.“
Da hat es natürlich gut gepasst, dass eine der freien Bühnen in meiner wunderbaren Stadt gerade genau sowas im Angebot hat (und das auch noch richtig gut!) und dass auch meine Mutter nicht lange zu einem lustigen Theaterabend überredet werden musste.
Long story short: Zack hatte ich vier Karten im online-Warenkorb. Es wurde ein wirklich gelungener Abend, alle hatten Spaß, ich hatte die perfekte Bühne für den ersten Auftritt meiner Hose, nur die Karten waren halt dann doch ein bisschen teuer.
Aber hey – beim Upcycling ganz viel Geld gespart und das dann in die sowieso gebeutelte freie Kulturszene investiert, auf dass sie uns weiterhin immer wieder schöne Abende beschert. Wenn das keine win-win-Situation ist, weiß ich auch nicht weiter. Und mit der Hose laufe ich inzwischen hemmungslos durch die Stadt und fühle mich gut.